31.01.2010 - Daniel Hübner - SC Magdeburg, Abt. Leichtathletik

Die ganze Vielfalt in Farbe

Die Leichtathletik ist nicht nur auf der Tartanbahn, im Sandbett oder auf der Hochsprung-Matte schön. Carolina Klüft hat das bewiesen auf einer Fotostrecke durch die schwedische Natur. Sie liegt auf Moos gebettet, den Kopf auf die Kugel gestützt, sie posiert auf einem Stein mitten im See, der linke Arm gestreckt, den Speer vertikal gestellt. Klüft steht auf diesem Stein, wie Bergsteiger auf dem eroberten Gipfel stehen, sie schaut stolz, eine Körpersprache in schwarz-weiß abgelichtet. Erfolg macht erotisch.

Klüft, Schwedin, Weltmeisterin, Olympiasiegerin, Heldin eines Volkes, Ikone jeder Nachwuchsathletin, die für den Siebenkampf aufgebaut wird – auch für Jessica Graf aus Egeln. Sie ist 15 Jahre, seit vier Jahren gehört sie zum SC Magdeburg. Leichtathletik fand für sie zuvor nur ein halbes Jahr in ihrem Heimatort statt, danach spielte sie Volleyball, „dann haben wir uns die Sportschule in Magdeburg mal angeschaut und ich habe mich entschlossen, dass ich es versuche“, berichtet sie. Aus dem Versuch wurde längst Spezialisierung. Zwei Jahre haben die Trainer ihre Talente sondiert und sind zur Erkenntnis gekommen, das Mädchen ist für den Mehrkampf prädestiniert. Die Vielfalt mag Jessica. In allem wird sie immer besser. Sie wandelt auf den Spuren der Carolina Klüft in der Königsdisziplin.
Hans-Ulrich Riecke ist ihr Trainer, er hat seine Eindrücke von den Mehrkampf-Landesmeisterschaften am vergangenen Wochenende in Halle-Brandberge dokumentiert auf der SCM-Internetseite. Und in jedem Wort schwingt große Freude mit über die Leistungen seiner Schützlinge. Jessica Graf „war sehr zufrieden“ mit ihren fünf Wettbewerben, mit ihren Einzelresultaten, mit ihrem Sieg. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie schlagen kann“, erklärt sie. Sie, das ist Ulrike Hoßbach vom PSV Bernburg, sie ist ein Jahr älter. Ihr Trainer Thomas Gruschka hat resümiert: „Der zweite Platz ist völlig in Ordnung, die Magdeburgerin war stark.“ Und wie: Jessica stellte mit 9,54 Sekunden über die 60 Meter Hürden ihre neue Bestleistung auf, Jessica landete mit 5,37 Metern so weit wie noch nie im Sandbett. Getrieben von diesen neuen Marken übernahm sie im abschließenden 800 Meter-Lauf von Beginn an die Führung und erreichte mit 2:32,48 Minuten, ebenfalls nahe ihrer Bestleistung, über 20 Sekunden vor der Konkurrenz das Ziel. Da hat sie alle überrascht, denn „das Training war nicht so besonders von der Technik her“, berichtet sie über die Einheiten zuvor. Am Ende ist es die kleine Welt von 274 Punkten, die Jessica und die Zweite trennen. Und dieser Start ins Mehrkampf-Jahr macht Mut für die weiteren Aufgaben.
Wer beim SCM erfolgreich arbeitet, hat irgendwann die nationalen Titelkämpfe vor Augen. In diesem Jahr werden die Jugend-Meisterschaften in Ulm Anfang August ausgetragen. Dafür will Jessica die Norm schaffen, die sich kompliziert im Punktesystem errechnet. Ulm wäre keine Premiere. Als 14-Jährige war sie bereits im vergangenen Jahr dabei, der 17. Platz hat sie damals nicht geärgert – allein die Teilnahme zählt sie zu ihren größten Erfolgen bislang -, der Wettkampfverlauf schon. „Ich habe mir selbst einen zu großen Druck aufgebaut“, sagt sie. Mit ihrer Bestleistung von 3586 Punkten, aufgestellt in Chemnitz, hätte es zu Rang 13 gereicht. In Ulm soll das anders werden, die Mischung zwischen Anspannung und Lockerheit will gefunden werden. Vielleicht findet sie diese in der neuen Technik, die sie derzeit beim Kugelstoßen einstudiert, sie geht nicht mehr, sie gleitet jetzt an. Die Wurfdisziplinen sind nun nicht unbedingt ihre Stärke. Mit dem Speer schafft sie es auf 26 Meter, mit der Vier-Kilo-Kugel auf 8,69 Meter, dafür springt sie 1,52 Meter hoch, sie läuft die 100 Meter in einer 13,06 Sekunden. Wenn man dann bedenkt, dass bei Mehrkämpfern immer Abstriche gemacht werden müssen mit Blick auf die Spezialisten, ist das alles sehr klasse.
Man sagt, mit 15 oder 16 Jahren entscheidet sich die Zukunft eines Teenagers im Leistungssport. Dann wartet der erste Freund oder der nächste Start, die erste Party oder die neue Bestleistung. Jessica fährt jeden Tag von Egeln nach Magdeburg und wieder zurück, vier Jahre hält sie das also schon durch: Anreise, Schule, Training, Abreise, Hausaufgaben. Viel bleibt ihr dann nicht von der freien Zeit, die sie gern mit den Freunden und mit der Familie verbringt. Ihre Kraft und ihre Konzentration gehören nach wie vor dem Mehrkampf. Bei ihr klingt das nach 200 Prozent. Diese Kraft und Konzentration hatte Carolina Klüft irgendwann nicht mehr, statt Siebenkampf waren es Weit- und Dreisprung, die sie zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking führten. Siebenkampf war ihr zu langweilig, sie hatte Lust auf etwas Neues, sie wollte sich vom Mediendruck befreien. Lust auf Neues hat Jessica Graf auch, sie probiert sich bei den Bezirksmeisterschaften an diesem Wochenende in Magdeburg im Dreisprung. Mediendruck hat sie nicht, der soll auch an dieser Stelle erst gar nicht aufgebaut werden. Aber wir sind froh, sie gefunden zu haben. Ganz in Farbe.

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